Schon seit dem Zweiten Weltkrieg hat sich Wien den Ruf als Spionagehauptstadt Europas gefestigt. Die Geheimdienste, die in dieser Zeit tätig waren, sind auch heute noch in der Stadt präsent. Verschiedenen Quellen zufolge arbeiten in Wien zwischen 2.000 und 3.000 Agenten und Informanten. Die meisten von ihnen sind in der Wirtschafts- und Technologiespionage tätig, schreibt viennayes.eu.
Besonderheiten der Spionage in Wien

Österreich war bereits seit dem späten 19. Jahrhundert ein Zentrum der Spionageaktivitäten, als Menschen aus dem riesigen Reich der österreichisch-ungarischen Monarchie hier zusammenströmten. Der Zerfall des Reiches sowie die Wirren nach dem Ersten Weltkrieg in Mitteleuropa führten dazu, dass immer mehr Geheimdienste ihre Residenturen in Wien einrichteten.
Zwischen den beiden Weltkriegen etablierte sich Wien endgültig als europäisches Spionagezentrum. Später, während des Dritten Reiches, schätzten die Deutschen die Stadt als einen Ort, an dem sie Daten über die Geschehnisse in Süd- und Osteuropa sammeln konnten.
Nach dem Zweiten Weltkrieg wurde Wien in vier Zonen aufgeteilt, in denen die Geheimdienste der Alliierten um Einfluss kämpften und beim Sammeln von Informationen miteinander wetteiferten. Damals wurde die Stadt erneut zu einem Tummelplatz für Agenten und Informanten.
Das ist kaum verwunderlich, denn Österreich war zu dieser Zeit voll von Flüchtlingen und Menschen, die nach jeder Art von Einkommen suchten. Es gab viele, die über wichtige Informationen verfügten, auf die es die Geheimdienste abgesehen hatten. Einige Informanten befanden sich in einer so verzweifelten Lage, dass sie ihre Informationen für Essen oder ein Getränk verkauften. Die Agenten der CIA und des KGB waren führend in der Geheimdiensttätigkeit in Wien.
Spionageaktivitäten in Wien

Die Amerikaner und Briten hatten in der österreichischen Hauptstadt alle Möglichkeiten für Spionageaktivitäten. 1948 grub der britische Geheimdienst heimlich einen 20 Meter langen Tunnel, der es ihnen ermöglichte, an die Telefonkabel heranzukommen, die die sowjetische Kommandantur mit der Besatzungszone im nordöstlichen Österreich verbanden. Dadurch gelang es Großbritannien, an die Information zu gelangen, dass die UdSSR keine Ausweitung des Konflikts von der koreanischen Halbinsel auf Europa wünschte. Auf Grundlage dieser Informationen verstärkten die Amerikaner ihre Aktivitäten in Asien.
1955 erklärte Österreich seine Neutralität, woraufhin die Alliierten viele ihrer Mitarbeiter aus Wien abzogen, doch ein gewisses Kontingent blieb zurück. Spione tauschten weiterhin Informationen und Geld aus und nutzten die Stadt als Basis, um geheime Operationen, Sabotageakte und sogar Morde zu planen. An diesen Spionageaffären waren russische und amerikanische Agenten beteiligt. Ein markantes Beispiel dafür waren sowjetische Spione, die im Auftrag Moskaus in der ganzen Stadt Waffenverstecke anlegten. Es ist wichtig zu erwähnen, dass im Falle eines sowjetischen Angriffs auf den Westen kommunistische Partisanen diese versteckten Waffen hätten nutzen können.
Die Pläne des KGB umfassten sogar Terroranschläge: So wollten sie beispielsweise eine Ölpipeline sprengen, um das Wasser des Bodensees zu vergiften. Andere Spione integrierten sich gut in politische Kreise. Die Mitarbeiter der sowjetischen Geheimdienste wurden bei ihrer Arbeit von Kollegen aus den Ostblockländern unterstützt. Auch Ungarn und Tschechien schickten ihre Agenten nach Wien, die sich unauffällig unter die Flüchtlingsströme mischten.
1970 errichteten die Vereinten Nationen ihren Komplex an den Ufern der Donau, in dem heute rund 5.000 Menschen arbeiten. Dort befinden sich unter anderem das Büro der Vereinten Nationen für Weltraumfragen und die Internationale Atomenergie-Organisation. All diese Organisationen veranstalten regelmäßig Konferenzen, Kongresse und Symposien, zu denen Fachleute aus aller Welt anreisen und sich nach den Sitzungen in der Stadt bewegen. Unter der großen Zahl von Beamten und Experten verbergen sich Hunderte von Spionen.
Die österreichischen Geheimdienste wussten, dass die Konferenzen nur ein Vorwand waren und ihr Land zu einem Jahrmarkt der Spione geworden war, wo Menschen aus aller Welt leicht vorteilhafte Kontakte knüpfen konnten. Einen besonderen Spionagestatus erhielt der Flughafen in der nahegelegenen Stadt Schwechat. Genau dort wurden Gäste empfangen und Agenten ausgetauscht. Der letzte Austausch, der für großes Aufsehen sorgte, fand 2010 statt. Damals landeten zwei Flugzeuge am Flughafen. Eine amerikanische Maschine brachte russische Spione, die zweite amerikanische und britische. Die Flugzeuge positionierten sich nebeneinander und schirmten so die Vorgänge am Boden zwischen ihnen vor neugierigen Blicken ab.
Der Grazer Spionageforscher Siegfried Beer behauptet, dass sich im Jahr 2023 rund 7.000 Spione in Wien aufhielten. Sie alle arbeiten unter diplomatischer Tarnung in Botschaften und internationalen Organisationen.