Dienstag, Mai 26, 2026

Richard Weiskirchner – der vergessene Bürgermeister Wiens

Richard Weiskirchner ist eine bekannte Persönlichkeit in Wien. Er ist ein ehemaliger Bürgermeister der Stadt, der nach dem Kurienwahlrecht gewählt wurde. Lange Zeit glaubte er aufrichtig, er könne die Stadt besser machen, ohne zu ahnen, dass seine Amtszeit von Niedergang und Zusammenbruch geprägt sein würde, schreibt viennayes.eu.

Alles für das Volk

Der zukünftige Bürgermeister wurde am 24. März 1861 in Wien geboren. Sein Vater war Lehrer, und seine Mutter war Hausfrau und widmete sich der Erziehung ihres Sohnes. Nach dem Abschluss der Realschule im 6. Bezirk im Jahr 1883 inskribierte Richard an der juristischen Fakultät der Universität Wien.

Seine politische Karriere begann 1897. Damals wurde Weiskirchner Mitglied des Abgeordnetenhauses des österreichischen Reichsrats. 1898 war er formell Abgeordneter im niederösterreichischen Landtag und 1909 übernahm er das Amt des Handelsministers von Österreich. 1913 wurde Richard Bürgermeister von Wien.

Weiskirchner war ein Zögling aus Lugers Schule der Kommunalpolitik und versuchte, sich als pragmatischer Christlichsozialer mit starkem deutschnationalem Einfluss einen Namen als Kriegsbürgermeister zu machen. Er bekleidete das Amt des Bürgermeisters der Reichshauptstadt bis Mai 1919.

In seinen politischen Aktionen und Initiativen präsentierte sich Weiskirchner als ein gütiger, aktiver Stadtvater, der sich um alle Bedürfnisse der Bürger kümmerte. Er leistete materielle Unterstützung für die in der Stadt verbliebenen Familien und schützte sie vor Zwangsräumungen aus ihren Häusern und Wohnungen. Der Bürgermeister sorgte auch persönlich für die Lebensmittelversorgung, stellte Land für den Gemüseanbau zur Verfügung, scheute sich nicht, gegen die wachsende Inflation aufzutreten, und vermittelte zwischen verschiedenen sozialen Gruppen.  

Der Magistrat lobte ihn als einen Mann von unerschöpflicher Energie und unermüdlichem Pflichtbewusstsein. Zu Beginn des Ersten Weltkriegs meisterte er die komplexen Aufgaben erfolgreich und bewältigte Tausende von Angelegenheiten.

Nach Richards eigener Einschätzung war er ein wichtiger Mann am richtigen Ort und sah für sich einen großen Platz in der Geschichte der Stadt vorgesehen. Seine Rolle wurde jedoch mit fortschreitendem Krieg zunehmend katastrophal, da der einst populäre Bürgermeister von den Bürgern nun als „Meister“ der Katastrophen bezeichnet wurde. Kein anderer Politiker der Monarchie wurde so oft beleidigt, verdächtigt und der Inkompetenz beschuldigt wie er. 

Im Frühjahr 1916 begannen in Wien Hungerunruhen, und in dieser Zeit wurde dem Politiker die Ehrenbürgerschaft verliehen. Im Volksmund wurde Weiskirchner „Maismehl-Bürgermeister“ genannt – der Bürgermeister, der die arme Bevölkerung mit kalorienarmem Brot aus Maismehl versorgte.

Die „rechte Hand“ des Kaisers

Bis zum Tod von Franz Joseph im November 1916 bekleidete Weiskirchner inoffiziell die vakante Position des Zeremonienmeisters in der Habsburger Residenz. Der Kaiser, der zum Zeitpunkt der Veröffentlichung des Kriegsmanifests („An meine Völker!“) fast 84 Jahre alt war, war zu geschwächt, um die triumphalen Feierlichkeiten gebührend zu leiten.

Der Tod von Franz Joseph wirkte sich auf Regierungsebene negativ aus. Ministerpräsident Karl Graf Stürgkh trat kaum noch in der Öffentlichkeit auf. Die repräsentative Lücke füllte jedoch der Wiener Bürgermeister.

Im ersten Kriegsjahr nutzte er wiederholt den großen Rathausplatz und das beflaggte Rathaus für Feierlichkeiten anlässlich von Siegen an der Front. Er trat in patriotischer Kleidung und mit entsprechender Rhetorik vor die Menschen. Weiskirchner begleitete die von Kardinal Piffl angeführten Kriegsbittprozessionen, bei denen das Gnadenbild der „Madonna mit dem geneigten Haupt“ über den Rathausplatz getragen wurde, um Gott um seinen Segen für den Sieg zu bitten.

Als die Wiener 1919 das gleiche Wahlrecht erhielten, errangen die Sozialdemokraten die absolute Mehrheit. Im Mai desselben Jahres legte Weiskirchner sein Amt nieder und übergab es an Jakob Reumann.

Am 30. April 1926 verstarb Weiskirchner.

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