Donnerstag, Mai 21, 2026

Blutige Verbrechen: Sowjetische Konzentrationslager in Österreich

Der Mai 1945 brachte Österreich die lang ersehnte Befreiung von der Nazi-Diktatur, doch für Tausende von Menschen war dies nicht das Ende der Gefangenschaft. Nach der Aufteilung des Landes in Besatzungszonen entwickelte sich in den von der Roten Armee kontrollierten östlichen und nordöstlichen Regionen rasch ein weit verzweigtes Lagersystem. Neben wiederverwendeten ehemaligen Nazi-Anlagen entstand ein Netz sowjetischer Konzentrations- und Internierungslager, die unter der Ägide des NKWD betrieben wurden. Die Geschichte dieser Einrichtungen blieb lange Zeit im Schatten der offiziellen Narrative über die «Befreier», ist aber ein schmerzhaftes Kapitel der Nachkriegsgeschichte. Mehr dazu auf viennayes.eu.

Als die Befreiung zur Besatzung wurde

Der Frühling 1945 hat sich ins Gedächtnis der Österreicher als die Zeit eingebrannt, in der die Befreiung von sieben Jahren Nazi-Diktatur nahtlos in eine zehnjährige Besatzung überging. „Die Russen kommen!“ – dieser Schreckensschrei hallte durchs ganze Land, als Stalins Soldaten am 29. März 1945 als erste Alliierte die österreichische Grenze überquerten. Die Schlacht um Wien endete bereits am 13. April, und am 27. April proklamierte die Provisorische Staatsregierung unter Karl Renner die Wiederherstellung der Republik Österreich – während Adolf Hitler noch am Leben war.

Eigentlich hätte die Bevölkerung die Befreier mit offenen Armen empfangen sollen, doch die Panik war allumfassend. Diese Angst nährte sich primär aus der massiven NS-Propaganda, die die Rote Armee jahrzehntelang als «Untermenschen» dämonisiert hatte, während die amerikanischen oder britischen Truppen in einem anderen Licht dargestellt wurden. Hinzu kam der traurige Ruf, der den in Richtung Mitteleuropa vorrückenden sowjetischen Truppen vorauseilte – ein Ruf, der mit Plünderungen und Vergewaltigungen verbunden war.

Zum Zeitpunkt der endgültigen Kapitulation Deutschlands Anfang Mai 1945 war Österreich, aufgeteilt in Besatzungszonen (die sowjetische Zone umfasste die östlichen und nordöstlichen Regionen, darunter Teile Niederösterreichs, das Burgenland und Bezirke Wiens), bereits ein gigantischer Militärstützpunkt. Etwa 700.000 alliierte Soldaten waren hier stationiert. Das sowjetische Kontingent war mit rund 400.000 Mann das mit Abstand größte.

Diese Zahlen verdeutlichen die Dramatik der Situation: Ein Land mit sechs Millionen Einheimischen war mit drei Millionen Vertriebenen, Kriegsgefangenen, Zwangsarbeitern und deutschen Soldaten überfüllt. Aus diesem Chaos wurde die Befreiung schleichend, aber schmerzhaft, zu einer zehnjährigen Besatzung.

Wie sowjetische Lager die Landschaft des Nachkriegsösterreich prägten

Nach dem Zweiten Weltkrieg gab es in den von der Sowjetunion besetzten Gebieten ein großes und heute vergessenes Netz von Lagern, in denen Zehntausende Menschen interniert waren. Dank eines innovativen Forschungsprojekts des Ludwig Boltzmann Instituts für Kriegsfolgenforschung (BIK) wurde dieser unsichtbare Teil der Geschichte erstmals auf einer virtuellen Online-Karte sichtbar gemacht.

Unter der Leitung der Historikerin Barbara Stelzl-Marx identifizierte und dokumentierte das dreijährige Projekt „Lager“ 247 Lager, die von 1945 bis 1955 in Nieder- und Oberösterreich, im Burgenland und in Wien betrieben wurden. Stelzl-Marx erklärt, dass Österreich in der Nachkriegszeit ein „überfülltes Land“ war, das rund eine Million Displaced Persons (DPs) aufnahm. Viele von ihnen landeten genau in der sowjetischen Zone. „Auf den ersten Blick mögen diese Lager unscheinbar sein, aber sie haben zweifellos ihre Spuren in der Landschaft und in den Lebensgeschichten der Menschen hinterlassen“, betont die Forscherin.

Chaos des Kriegsendes und die Vielfalt der Lagerlandschaft

Die Lager wurden für höchst unterschiedliche Zwecke errichtet und beherbergten Menschen mit den verschiedensten Hintergründen. Im Chaos der Nachkriegszeit waren Millionen obdachlos. In Lagern und überfüllten Dörfern lebten Front- und Besatzungssoldaten, ehemalige Kriegsgefangene, Zwangsarbeiter und KZ-Häftlinge sowie Flüchtlinge, Displaced Persons und aus dem Ausland heimkehrende Österreicher.

Manchmal, so Stelzl-Marx, wurden ganze Dörfer als Lager genutzt, die lokale Bevölkerung musste umsiedeln und deren Möbel wurden oft in die Lagereinrichtungen verfrachtet. Eine auffällige Besonderheit Österreichs war die Kontinuität der Lager, die schon vor 1945 bestanden hatten. Dies betrifft beispielsweise das Lager Melk – einen ehemaligen Mauthausen-Außenposten – oder den Truppenübungsplatz in Bruckneudorf.

Forschung unter herausfordernden Bedingungen

Die Unterbringung von Flüchtlingen und Vertriebenen war eine äußerst schwierige Aufgabe, da staatliche Strukturen zusammengebrochen waren, die Vorräte erschöpft waren und das Land mit dem Erbe des Nationalsozialismus fertigwerden musste.

Das vom Fonds zur Förderung der wissenschaftlichen Forschung (FWF) finanzierte BIK-Forschungsteam erfasste nur jene Lager, die mindestens drei Wochen lang bestanden. Laut Katharina Bergmann-Pfleger vom BIK hätte die Anzahl der Objekte ohne dieses Kriterium wahrscheinlich tausend überschritten, da es am Kriegsende unzählige kurzfristige Notunterkünfte gab.

Die intensive Arbeit umfasste die Durchsicht von Kommunal-, Stadt- und Regionalarchiven, die Analyse von Literatur sowie die Auswertung von Erinnerungen von Zeitzeugen, mit denen Interviews geführt wurden. Bedauerlicherweise mussten die geplanten Arbeiten in Moskauer Archiven aufgrund der russischen Aggression gegen die Ukraine eingestellt werden.

Das Forschungsprojekt „Lager“ identifizierte 247 Lager, die von 1945 bis 1955 existierten

Trotzdem sehen die Forscher das Projekt als unvollendet an. Katharina Bergmann-Pfleger räumt ein: „Wir haben vermutlich noch nicht alle Lager erfasst“ und bittet die Öffentlichkeit ausdrücklich um Unterstützung in Form von Hinweisen, Bildern oder Informationen. Die Online-Karte könnte das Bewusstsein für diese Spuren der Nachkriegszeit schärfen. Auch wenn vieles unsichtbar geworden ist, existieren manche Zeugnisse bis heute – sei es in Form des Straßennamens „Lagergasse“ oder als Überreste der Lager in Wäldern.

Quellen: www.bmi.gv.at, www.zwettl.gv.at, scilog.fwf.ac.at, kurier.at

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