Donnerstag, Mai 21, 2026

Wohltätigkeit in Wien während des Ersten Weltkriegs

Der Erste Weltkrieg war nicht nur eine militärische und politische Katastrophe, sondern auch eine beispiellose Zerreißprobe für die soziale Stabilität der großen europäischen Städte, insbesondere für Wien – die Hauptstadt der österreichisch-ungarischen Monarchie. Unter den Bedingungen der totalen Mobilmachung, des wirtschaftlichen Zusammenbruchs und einer akuten Nahrungsmittelknappheit wurde die Wohltätigkeit zur lebensnotwendigen Rettungsleine. Mehr dazu auf viennayes.eu.

Wien unter der Last des Totalen Krieges

Die Jahre des Ersten Weltkriegs waren für Wien und seine Bewohner eine Zeit des „Totalen Krieges“, der eine andere, nicht minder verheerende Spur hinterließ: ein soziales und psychologisches Trauma. In der kollektiven Erinnerung der Wiener ist diese Zeit nicht so sehr mit Siegen, sondern vielmehr mit Hunger, Kälte, Elend und einem drastischen Anstieg der Sterblichkeit verbunden.

Die Atmosphäre in Wien war von Angst und Aggression durchdrungen. Der tägliche Überlebenskampf, die demütigende Erfahrung endloser Warteschlangen und das ständige Horten von Vorräten führten zu einer tiefen sozialen Spannung. In den Vorstädten herrschte Ablehnung und Entfremdung.

Das städtische Leben kam in dieser Zeit fast zum Erliegen. Autos und Pferdekutschen verschwanden von den Straßen, das Straßenbahnsystem war ein Chaos, und die Müllabfuhr sowie die Schneeräumung stellten ihren Dienst gänzlich ein. Die Propagandaparole „Haltet durch!“ verhallte, während die Mehrheit der Bevölkerung bereits unterernährt war. Brot und Erdäpfel (Kartoffeln) wurden rationiert. Die Schaufenster der Geschäfte waren leer, und viele Waren, einschließlich Schuhen und Ledereinlagen, wurden unerreichbar oder heiß begehrt.

Aufgrund der Nahrungsmittelknappheit streunerten Jugendliche plündernd durch die Stadt. Achtsamkeit und Höflichkeit traten im brutalen Kampf ums Überleben in den Hintergrund. Landgemeinden zeigten offen ihre Feindseligkeit, indem sie Schilder aufstellten, die „Hamsterer“ und ältere Wiener Gäste als unerwünscht erklärten.

(Komitee für die Hilfskampagne der Frauen während des Krieges)

Trauma und die Transformation der Identität

Die Ausbreitung von Krankheiten wie Tuberkulose und der Spanischen Grippe verstärkte das Gefühl der Katastrophe nur noch. Städtische Beobachter priesen bereits 1916 ironisch die neu gewonnene Schlankheit der Bevölkerung. Die Wiener fühlten sich von Regierung und Verwaltung im Stich gelassen.

Die tiefgreifendste Folge für die Hauptstadt war die zerrissene politische Identität. Der Krieg, der sogar den Bau der U-Bahn in der Planungsphase stoppte, beendete die Rolle Wiens als Kaiserresidenz und Reichshauptstadt.

Doch gerade diese physischen und psychologischen Zerstörungen wurden zum Katalysator für radikale Veränderungen: Sie legten den Grundstein für eine neue Sozialgesetzgebung, die gesellschaftliche Demokratisierung, eine grundlegende Reform des kommunalen Wahlrechts und ein umfassendes Wohnbauprogramm in der Nachkriegszeit. Bereits während des Krieges zwang der Niedergang Wiens die Menschen, aktiv zu werden, zu überleben und verschiedene karitative Initiativen ins Leben zu rufen.

(Komitee für die Hilfskampagne der Frauen während des Krieges)

Der Beginn Offizieller Wohltätigkeit: Vom Versprechen zum Chaos der Fürsorge

Die Gesellschaft, die eine kurze und siegreiche Kampagne erwartet hatte, sah sich rasch mit der Notwendigkeit eines modernen Sozialstaates konfrontiert. Die Wohltätigkeit, die Stadtverwaltung und Bürgerschaft vereinte, wurde zum überlebenswichtigen Mechanismus für Hunderttausende Wiener.

Zu Kriegsbeginn erkannte die Wiener Stadtverwaltung rasch ihre Verantwortung. Bereits am Abend des 25. Juli 1914, nach Ablauf des Ultimatums an Serbien, kündigte Bürgermeister Richard Weiskirchner an, dass die Stadt alles tun werde, um die Familien der Mobilisierten finanziell zu unterstützen. Die offizielle Finanzhilfe basierte auf einem Gesetz, das Zahlungen in Form von Alimenten und Mietzuschüssen vorsah. Anspruchsberechtigt waren Ehefrauen, legitime Nachkommen sowie, je nach Fall, Eltern, Geschwister und Schwiegereltern.

Das Gesetz bot große Interpretationsmöglichkeiten, was zu Chaos und zahlreichen Beschwerden führte. Die Antragstellung, die Überprüfung der Anspruchsberechtigung in den Bezirksämtern und die Entscheidungsfindung in zwanzig Kommissionen – all dies verursachte Überlastung und Empörung. Ein besonders akutes Problem war, dass Frauen zweimal im Monat unter demütigenden Bedingungen vor den städtischen Kassen anstehen mussten, um ihre geringfügigen Beträge abzuholen.

Die Höhe der Alimente passte sich nicht an die steigenden Lebenshaltungskosten an. Die unzureichende staatliche Unterstützung wurde, insbesondere in der zweiten Kriegshälfte, zur Quelle aufständischer und revolutionärer Stimmungen unter den Frauen.

(Suppen- und Teeküche von Anita Müller für Flüchtlinge in Leopoldstadt, Wien)

Umfassende Wohltätigkeit und Hilfsfonds

Parallel zur offiziellen, aber oft unzureichenden staatlichen Unterstützung entfaltete sich in Wien eine großangelegte kommunale und freiwillige Wohltätigkeit, die zur wahren Rettung für die ärmsten Bevölkerungsschichten wurde. Dieses lebensnotwendige System, das die Ressourcen der Stadtverwaltung und die Initiative der Bürger bündelte, bot eine wirksame Unterstützung in Kriegszeiten.

Die Stadtverwaltung schuf rasch spezialisierte Strukturen für akute, gezielte Hilfe, deren Schlüsselelement der Spezialfonds der Kriegsfürsorge (War Welfare Fund) war. Dieser separate Fonds zielte darauf ab, in Not geratene Familien, hungernde Kinder, Arbeitslose und Frauen zu unterstützen. Seine Einzigartigkeit lag in der Fähigkeit, Vorschuss- und Zusatzzahlungen über die offizielle Norm hinaus zu leisten sowie jene Fälle zu finanzieren, in denen Bürger keinen gesetzlichen Anspruch auf Hilfe hatten, sie aber dringend benötigten.

Die karitative Kriegshilfe war klar organisiert und demonstrierte eine echte Synergie zwischen verschiedenen Gesellschaftssektoren. Private Organisationen übernahmen die Verantwortung für das Sammeln von Spenden. Die Stadtverwaltung gewährleistete die faire Verteilung der gesammelten Ressourcen und die Kontrolle über deren Verwendung. Freiwilligenorganisationen waren direkt vor Ort in die praktische Umsetzung und Zustellung der Hilfe an Bedürftige eingebunden.

Das Ausmaß dieser humanitären Bemühungen ist beeindruckend und unterstreicht die gigantische soziale Last, die die Hauptstadt trug. Allein in der zweiten Hälfte des Jahres 1918 wurden in den sogenannten „Kriegsküchen“ über 45 Millionen Portionen Essen zubereitet, um die Notleidenden mit zumindest einer Mahlzeit zu versorgen. Im selben Jahr 1918 erhielten etwa 200.000 Familien (ungefähr 700.000 „Minderbemittelte“) ermäßigte Einkaufsgutscheine. Insgesamt waren bis Kriegsende 650.000 Personen für Sozialhilfe registriert, was dieses System zu einem entscheidenden Überlebensfaktor für die Stadt machte.

(Mehlkarte, 1918)

Internationale Wohltätigkeit und Hilfe außerhalb der Kommune

Die Wohltätigkeit in Wien während des Ersten Weltkriegs beschränkte sich niemals nur auf kommunale Strukturen. Im Gegenteil: Gerade die aktive Beteiligung zivilgesellschaftlicher und internationaler Organisationen sicherte ihre Effektivität und ihr gigantisches Ausmaß. Diese Institutionen sammelten nicht nur Ressourcen, sondern koordinierten auch die praktische Arbeit vor Ort.

Mehrere Institutionen traten als Hauptkoordinatoren und Durchführende der humanitären Mission hervor:

  • Der Österreichische Rote Kreuz spielte eine Schlüsselrolle im medizinischen und sozialen Bereich. Das Rote Kreuz sorgte für den massiven Einsatz von Krankenschwestern und ehrenamtlichen Helferinnen und koordinierte die Arbeit von Feld- und Lazaretten im Hinterland. Seine Tätigkeit war auf die Hilfe für Verwundete sowie für Kriegswitwen und Waisen ausgerichtet. Nach dem Krieg wurde das Rote Kreuz zur wichtigsten humanitären Institution in Österreich.
  • Die Caritas Austria. Zu Beginn des 20. Jahrhunderts gegründet, war die Caritas während des Krieges sehr aktiv und fungierte als Hauptkoordinator vieler kirchlicher Wohltätigkeitsinitiativen. Ihre Tätigkeit umfasste die Verteilung von Lebensmitteln und Kleidung sowie die Umsetzung spezieller Programme, wie etwa die „Children’s recovery“, bei der Freiwillige eingebunden wurden.
  • Pfarrgemeinschaften und Lokale Fonds. Diese lokalen Strukturen arbeiteten eng mit der Stadtverwaltung zusammen. Das Wiener Rathaus organisierte gemeinsam mit diesen Wohltätigkeitsfonds die Arbeit der Kriegsfonds und -küchen und stellte die direkte Hilfe auf Bezirksebene sicher.

Die Wohltätigkeit nahm auch durch innovative Finanzmechanismen einen massiven staatlichen Charakter an. Im Jahr 1915 gab Österreich-Ungarn Postwertzeichen (Semi-Postal) mit einem Aufschlag (Surcharge) heraus. Dieser Aufschlag wurde automatisch an die „War Charity“ (Kriegshilfsdienste) überwiesen. Dies wurde zu einem anschaulichen Beispiel dafür, wie Bürger durch alltägliche staatliche Mechanismen in die Finanzierung der Sozialpolitik eingebunden wurden.

(Krankenschwestern des Roten Kreuzes am Wiener Ostbahnhof, Foto ca. 1915)

Die Rolle von Klöstern und Orden in der Wiener Wohltätigkeit

Während des Ersten Weltkriegs, als die staatlichen und kommunalen Strukturen Wiens unter enormer Belastung standen, wurden Klöster und Ordensgemeinschaften zu einem der Schlüsselausführenden der humanitären Hilfe. Sie stellten nicht nur Ressourcen zur Verfügung, sondern lieferten auch die notwendigen Arbeitskräfte und Infrastruktur und wurden so zur wahren Heimfront der Barmherzigkeit.

Nonnen und Ordensgemeinschaften wurden massiv in die Pflege von Verwundeten und Kranken eingebunden. Dies war eine gängige europäische Praxis, die in Österreich durch die Organisation breiter Netzwerke der Krankenpflege besonders stark in Erscheinung trat. Ordensschwestern arbeiteten sowohl in Klosterkrankenhäusern, die oft aus zivilen Räumlichkeiten umgewidmet wurden, als auch in Militär- und städtischen Spitälern. Sie leisteten nicht nur direkte Pflegearbeit, sondern waren auch mit der Ausbildung und Vorbereitung von Hilfskräften beschäftigt, wodurch das medizinische Potenzial der Stadt erheblich gestärkt wurde.

Ordenshäuser und Klöster wurden zum rettenden Zufluchtsort für die am stärksten gefährdeten Bevölkerungsgruppen. Ihre Räumlichkeiten wurden zur Unterbringung von Vertriebenen und Flüchtlingen genutzt. Besondere Aufmerksamkeit galt Kindern und Waisen, deren Erholung organisiert wurde, insbesondere im Rahmen von Programmen zur Unterbringung auf dem Land oder in sichereren Regionen. Die Koordination dieser Maßnahmen erfolgte oft durch große Organisationen wie Caritas und lokale Pfarrstrukturen.

Klöster und Orden beteiligten sich in dieser Zeit aktiv an der Sicherstellung grundlegender sozialer Bedürfnisse. Sie halfen bei der Organisation von Kriegsküchen und Essensausgaben und waren an der Sammlung und Verteilung von Kleidung beteiligt. In einigen Fällen, wie Caritas-Unterlagen belegen, übernahmen sie sogar Bestattungsdienste für Arme (zum Beispiel durch das Programm „Mortality provision“).

Somit waren Klöster und Ordensgemeinschaften nicht nur Wohltäter, sondern ein Schlüsselausführender der Hilfe, insbesondere in den Bereichen medizinische Versorgung, Kinderbetreuung und grundlegende soziale Unterstützung, was für die Aufrechterhaltung der Lebensfähigkeit Wiens in Kriegszeiten von entscheidender Bedeutung war.

Quellen: pdfs.semanticscholar.org, ww1.habsburger.net, www.geschichtewiki.wien.gv.at, ww1.habsburger.net, international-review.icrc.org

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