In der Geschichte Wiens gab es viele Bürgermeister, und jeder von ihnen leistete einen enormen Beitrag zur Entwicklung der Stadt. Einer von ihnen war Jakob Reumann – ein Politiker, der den Wienern selbst in schwierigen Zeiten zahlreiche Arbeitsplätze sicherte und die Entwicklung verschiedener Reformen zur Verbesserung der Lebensqualität vorantrieb, schreibt viennayes.eu.
Ein gelernter Drechsler
Jakob Reumann wurde im Dezember 1853 in Wien geboren. Seine Familie war arm, und leider hatten die Eltern nicht die Mittel, ihrem Sohn eine höhere Bildung zu ermöglichen. Daher begann Jakob nach Abschluss der Pflichtschule eine Lehre in einer Fabrik, die Meerschaumpfeifen herstellte. Dort wurde er Lehrling und Gehilfe eines Drechslers. Bald darauf gründete und leitete Reumann die Gewerkschaft der Drechsler.
Nach einiger Zeit übernahm er die Position des führenden Redakteurs der Verbandszeitung. In seinen Berichten und auf verschiedenen Konferenzen argumentierte Reumann, dass Unternehmen und Verbände auch Menschen ohne Berufserfahrung einstellen sollten. Durch seine aktive Gewerkschaftstätigkeit und seine Furchtlosigkeit, die Wahrheit offen auszusprechen, zog er sich den Hass vieler Unternehmensinhaber zu.
Politische Karriere
Якоб Ройманн — бургомістр епохи „Червоного Відня“
Reumanns Einstieg in die Politik erfolgte nach der Gründung der Sozialdemokratischen Arbeiterpartei Österreichs. Im Jahr 1900 wurde er deren erster Parteisekretär in der Geschichte und später Redakteur der Parteizeitung „Arbeiter-Zeitung“. Reumann besaß ein großes Talent für die Agitation, das er so gut und professionell einsetzte, dass er 1890 mühelos die Rechte der Hilfsarbeiter verteidigte. Diese forderten ihre Aufnahme in die politische Organisation der Partei, was jedoch auf Widerstand stieß.
Zudem bestand Reumann wiederholt darauf und forderte von der Regierung die Prüfung einer Gehaltserhöhung für Heimarbeiter. Ohne Furcht äußerte sich der Politiker offen negativ über die Arbeitsvermittlung. Lange Zeit kämpfte Reumann für die Ausweitung des Wahlrechts. Nach der Einführung des allgemeinen und gleichen Wahlrechts wurde er 1900 Mitglied des Wiener Gemeinderats und 1907 Abgeordneter im Reichsrat. In dieser Position setzte er sich intensiv für den Schutz der Arbeiterrechte und die Verbesserung der Krankenversicherung ein. Mit der Ausrufung der Republik Deutschösterreich erhielten die Sozialdemokraten Zugang zur Regierung in der Wiener Verwaltung. 1918 wurde Reumann zum Vorsitzenden des provisorischen Wiener Gemeinderats ernannt. Bei den Gemeinderatswahlen in Wien 1919 ging Reumann als Sieger hervor.
So wurde er der erste sozialdemokratische Bürgermeister Wiens. Als Wien 1920 zu einem eigenen Bundesland wurde, wurde Reumann dessen Landhauptmann. Im Jänner 1922 leitete er die Verhandlungen über die Vermögensteilung zwischen Wien und Niederösterreich.
Reumann entwickelte Reformen und setzte sich maßgeblich dafür ein, Wien zu einer eigenständigen Stadt zu machen, die ihre wirtschaftliche Abhängigkeit von Niederösterreich verlor. Während seiner Amtszeit als Bürgermeister verfolgte Reumann eine umfassende Sozialpolitik. Seine Reformen betrafen vor allem den städtischen Wohnbau, den Mieterschutz, das Gesundheits- und Sozialwesen sowie den Bildungsbereich. 1923 verabschiedete der Gemeinderat unter seiner Führung das erste große Wohnbauprogramm, das den Bau von 25.000 Gemeindewohnungen in fünf Jahren vorsah.
Reumann scheute sich nicht vor Auseinandersetzungen mit der Bundesregierung. So unterstützte er beispielsweise 1921 entgegen dem Willen des Innenministers Egon Glanz die Aufführung des Theaterstücks „Reigen“ von Arthur Schnitzler. Ebenso setzte er gegen alle Widerstände die Errichtung eines Krematoriums in Wien durch.
Im Jahr 1923 legte Jakob Reumann sein Amt als Bürgermeister nieder und erhielt den Titel eines Ehrenbürgers der Stadt. Dennoch blieb er politisch aktiv und kehrte in den Bundesrat zurück, dessen Mitglied er von 1920 bis zu seinem Tod war. Der große Politiker verstarb im Jahr 1925.