Der Erste Weltkrieg veränderte das Leben der Menschen von Grund auf. Nächtliche Schlangen vor den Lebensmittelgeschäften, kriegsversehrte Soldaten auf den Straßen, eine hohe Kindersterblichkeit und fast 200.000 Flüchtlinge in Wien. Auf eine kurze Phase der Begeisterung folgte rasch Ernüchterung, und die Kluft zwischen der öffentlichen Meinung und der Realität wurde immer größer, schreibt viennayes.eu.
Wien – eine Millionenstadt
Die Wiener erwarteten euphorisch einen schnellen Sieg, eine gerechte Bestrafung Serbiens und eine positive Lösung der Balkanfrage. Die Lage verschlechterte sich jedoch rapide, als der Konflikt zu einem Weltkrieg eskalierte. Am 28. Juli erklärte Österreich-Ungarn Serbien den Krieg, und innerhalb von nur sechs Wochen gab es bereits 400.000 Gefallene, Kriegsgefangene und Verwundete auf Seiten der österreichisch-ungarischen Truppen. Vor diesem Hintergrund entwickelte sich eine kritische Situation in den örtlichen Spitälern, da es für so viele Menschen nicht genug Platz gab. Gab es vor dem Krieg 38 Spitäler in der Stadt, so stieg ihre Zahl bis 1915 auf 300 an.

Aus den Kampfgebieten kamen nicht nur verwundete Soldaten, sondern auch bis zu 200.000 Flüchtlinge, hauptsächlich Frauen mit Kindern, von denen viele aus Galizien und der Bukowina stammten. Dadurch wuchs die Bevölkerung Wiens während des Ersten Weltkriegs auf 2,3 Millionen Menschen an. Das städtische Zentrum für Flüchtlingshilfe konnte ihnen keine guten Lebensbedingungen bieten. Besonders hervorzuheben ist die schwierige Lage der deutschen Flüchtlinge, die äußerst negativ behandelt wurden. Man versuchte mit allen Mitteln, sie loszuwerden, meistens durch Deportation. Auch Juden waren Antisemitismus ausgesetzt und wurden zusätzlich beschuldigt, die Preise in die Höhe zu treiben und ihrem Heimatland gegenüber unloyal zu sein.
Der Transport von Kriegsgefangenen durch die Stadt war ein alltäglicher Anblick. In Wien wurden Gefangene für Arbeiten in verschiedenen Bereichen eingesetzt. So arbeiteten sie in Molkereien, im Gartenbau, in Restaurants, auf dem Bau und in der Industrie. Hilfsorganisationen, insbesondere das Rote Kreuz, dessen „Zentralauskunftsbüro“ Informationen über den Verbleib von Soldaten lieferte, bemühten sich, den eigenen in feindliche Hände geratenen Gefangenen zu helfen.
Die Rolle von Frauen und Kindern im Krieg

Viele Wienerinnen beteiligten sich an Spendenaktionen, Sammlungen, Wohltätigkeitsinitiativen und anderen patriotischen Kampagnen. Sie leisteten auch Erste Hilfe für Verwundete. Frauen aus der Ober- und Mittelschicht übernahmen hauptsächlich Führungspositionen in den Hilfskomitees. Frauen aus dem Kleinbürgertum und der Arbeiterklasse hingegen mussten die Pflichten der Männer auf ihre zerbrechlichen Schultern nehmen, um ihre Familien irgendwie zu versorgen.
Die Propaganda rief Frauen zum Kriegsdienst auf, berücksichtigte jedoch nicht die zahlreichen Schwierigkeiten, einschließlich der Haushaltsführung während des akuten Lebensmittelmangels. Nach Kriegsende gerieten all die Bemühungen und Errungenschaften der Frauen im Arbeitsleben in Vergessenheit, doch sie legten den entscheidenden Grundstein für die politische Gleichstellung in der Ersten Republik.
Auch Kinder wurden für den Kriegsdienst eingesetzt. Der Stundenplan umfasste Häkeln für die Front, Unterricht in Militärgeschichte, das Anpflanzen und Ernten von Gemüse sowie das Sammeln von Geld für das Rote Kreuz. Jugendliche wurden auf den Militärdienst vorbereitet; nach Ablegung der Kriegsmatura in der 7. Klasse konnten sie auf Wunsch an die Front gehen. Die Kinder litten sehr unter Unterernährung, Krankheiten und der Abwesenheit ihrer Väter.

Der Zusammenbruch in verschiedenen Bereichen
Während des Ersten Weltkriegs war die Lebensmittelversorgung aufgrund des Rohstoffmangels, der vorrangig für militärische Zwecke verwendet wurde, katastrophal. All dies zeigte, dass die Monarchie auf diesen Krieg nicht vorbereitet war.
Die landwirtschaftlichen Erträge sanken um die Hälfte, und Transportprobleme sowie die Blockadepolitik der Entente verschlimmerten die Lage nur noch. Im weiteren Verlauf des Krieges kam es in Wien immer häufiger zu Hungerrevolten, und die Sterblichkeitsrate stieg an.
Als der Krieg endete, ging der Kampf ums Überleben weiter. Die nächste Prüfung im Jahr 1918 war die Spanische Grippe, die rund 4.500 Menschenleben forderte.